Darf sich jeder Gutachter nennen?
Ja. Die Wörter Gutachter, Sachverständiger und Sachverständigenbüro darf jede Person auf ihr Praxisschild schreiben, ganz ohne Prüfung, Ausbildung oder Erlaubnis. Wer nur diese Wörter liest, weiß deshalb noch nichts über die Qualifikation der Person dahinter.
Ein einziger Zusatz ändert das: öffentlich bestellt. Wer diesen Titel führt, ohne wirklich bestellt zu sein, macht sich strafbar. Genau deshalb lohnt sich eine kurze Nachfrage, bevor Sie einen Auftrag vergeben.
Was der Zusatz öffentlich bestellt bedeutet
Öffentlich bestellt heißt: Eine Kammer, meist die Industrie- und Handelskammer oder die Handwerkskammer, hat die Fachkenntnis dieser Person geprüft und für gut befunden. Dazu kommt ein Versprechen, das die Person mit einem Eid bekräftigt: Sie arbeitet unabhängig, ehrlich und ohne Rücksicht auf Wünsche des Auftraggebers.
Der Titel gilt immer nur für ein bestimmtes Fachgebiet, niemals allgemein. Jemand, der für Schäden an Autos bestellt ist, ist damit noch nicht für die Bewertung von Häusern bestellt. Fragen Sie deshalb nicht nur, ob jemand bestellt ist, sondern wofür genau.
- Eine Kammer prüft die Fachkenntnis, meist in einem Fachgespräch oder anhand vorgelegter Gutachten.
- Sie prüft auch die Person selbst: geordnete finanzielle Verhältnisse und keine Vorstrafen, die Zweifel wecken.
- Der Titel gilt in der Regel 5 Jahre, danach prüft die Kammer erneut, ob alles noch stimmt.
Was eine Zertifizierung stattdessen zeigt
Neben der Bestellung durch eine Kammer gibt es einen zweiten Weg: eine Zertifizierung durch eine private Prüfstelle nach einer festen Norm. Diese Prüfstelle wird ihrerseits von der Deutschen Akkreditierungsstelle, kurz DAkkS, überwacht.
Ein echtes Zertifikat trägt immer das Prüfzeichen der DAkkS. Ein Zertifikat ohne dieses Zeichen belegt keine geprüfte Sachkunde. Das hat die DAkkS 2024 selbst öffentlich klargestellt, nachdem sich mehrere Gutachter zu Unrecht darauf berufen hatten.
Für einen wichtigen Fall zählt eine Zertifizierung genauso viel wie eine Bestellung. Wollen Sie dem Finanzamt einen niedrigeren Wert für eine geerbte Immobilie nachweisen, gelten zwei Wege. Das Finanzamt erkennt regelmäßig das Gutachten der amtlichen Bewertungsstelle bei Ihrer Stadt oder das Gutachten einer bestellten oder zertifizierten Person an.
Welchen Gutachter oder Sachverständigen Sie brauchen
Die wichtigere Frage ist nicht, welcher Titel am besten klingt, sondern was Ihr Fall verlangt. Für die meisten Alltagsfragen reicht ein freier Gutachter mit passender Erfahrung völlig aus. Was in einen Auftrag an ihn gehört, lesen Sie unter wie Sie einen Gutachter richtig beauftragen.
Soll das Gutachten vor Gericht oder beim Finanzamt gelten?
Geht es darum, dem Finanzamt einen niedrigeren Immobilienwert nachzuweisen?
Dann sollten Sie kein Gutachten eines freien Gutachters ohne diesen Nachweis vorlegen. Das Finanzamt erkennt regelmäßig nur ein Gutachten der amtlichen Bewertungsstelle oder einer bestellten oder zertifizierten Person an.
Vor Gericht wählt das Gericht den Gutachter selbst aus, und es bevorzugt dabei bestellte Personen. Ihre eigene Wahl zählt nur, wenn sich beide Seiten im Streit auf jemanden einigen.
Rechnen Sie damit, dass die Gegenseite das Ergebnis anzweifelt?
Dann ist ein bestellter oder zertifizierter Gutachter die sicherere Wahl. Die geprüfte Sachkunde macht es schwerer, das Gutachten allein wegen der Person anzugreifen.
Ein freier Gutachter mit nachweisbarer Erfahrung in genau Ihrer Frage genügt. Achten Sie auf eine klare schriftliche Abrede über Preis und Umfang.
So prüfen Sie einen Titel in wenigen Minuten
Eine Bestellung lässt sich in wenigen Minuten überprüfen. Verlassen Sie sich dabei nicht auf den Briefkopf oder die eigene Internetseite des Gutachters, denn diese Angaben stammen vom Büro selbst und werden von niemandem gegengeprüft.
- Lassen Sie sich das genaue Fachgebiet und die bestellende Kammer nennen, nicht nur das Wort öffentlich bestellt.
- Suchen Sie die Person im Verzeichnis genau dieser Kammer. Ein Eintrag auf einer eigenen Internetseite reicht als Beleg nicht.
- Fragen Sie bei einer Zertifizierung nach der Prüfstelle, und prüfen Sie, ob diese Stelle von der DAkkS überwacht wird.
- Fragen Sie, ob der Gutachter für eigene Fehler versichert ist. Bestellte Gutachter sollen nach den Regeln der Kammern versichert sein, für freie gibt es keine solche Vorgabe.
- Lassen Sie sich mögliche Bindungen offenlegen, etwa zu einer Werkstatt, einem Makler oder einer Versicherung.
Was Sie tun können, wenn der Titel erfunden war
Wurde Ihnen eine Qualifikation zugesagt, die es gar nicht gibt, zählt das rechtlich als Mangel an Ihrem Gutachten. Sie haben eine bestimmte Leistung bestellt und eine andere bekommen.
Damit stehen Ihnen die üblichen Rechte gegen den Gutachter zu: Sie können eine Nachbesserung verlangen, notfalls den Preis mindern oder vom Vertrag zurücktreten. Das unbefugte Führen des Titels ist außerdem strafbar, eine Anzeige bringt Ihnen dadurch aber kein Geld zurück.
- Sichern Sie den Beleg für die Zusage: Angebot, E-Mail, Briefkopf oder ein Bildschirmfoto mit sichtbarem Datum.
- Fordern Sie schriftlich die Bestellungs- oder Zertifikatsnummer an und setzen Sie eine Frist von zwei Wochen.
- Fragen Sie parallel bei der genannten Kammer nach, ob die Person dort wirklich geführt wird.
- Bleibt die Zusage unbelegt, beanstanden Sie den Mangel schriftlich und benennen Sie ihn konkret.
Ob in Ihrem Fall wirklich eine Zusage vorlag und welche Frist angemessen ist, hängt an Formulierungen, die nur jemand beurteilen kann, der Ihre Unterlagen kennt. Lassen Sie sich beraten, sobald der strittige Betrag höher ist als eine Beratung kostet. Wo Sie sich über einen Gutachter beschweren können, lesen Sie unter Beschwerde über einen Sachverständigen.
Häufige Fragen
Ist die Bezeichnung Sachverständiger geschützt?
Nein, Sachverständiger ist keine geschützte Bezeichnung. Jede Person darf sie ohne Prüfung führen. Geschützt ist allein der Zusatz öffentlich bestellt, dafür gibt es eine eigene Strafvorschrift.
Wer bestellt Gutachter öffentlich?
Meist die Industrie- und Handelskammer oder die Handwerkskammer am Sitz des Gutachters. Die Bestellung gilt nur für ein genau benanntes Fachgebiet und meist für fünf Jahre.
Ist eine Zertifizierung dasselbe wie eine Bestellung?
Nein. Eine Bestellung ist eine Prüfung durch eine Kammer, eine Zertifizierung eine Prüfung durch eine private, von der DAkkS überwachte Stelle. Für viele Zwecke zählen beide Wege gleich viel, etwa gegenüber dem Finanzamt, wenn Sie einen niedrigeren Immobilienwert nachweisen wollen.
Muss ein Gericht einen bestellten Gutachter beauftragen?
Nein, das Gericht wählt selbst aus, bevorzugt dabei aber bestellte Personen. Einigen sich beide Seiten im Streit auf jemand anderen, muss das Gericht dieser Wahl folgen.
Wie finde ich heraus, ob eine Bestellung wirklich besteht?
Fragen Sie nach dem Fachgebiet und der bestellenden Kammer, und gleichen Sie das mit deren eigenem Verzeichnis ab. Ein Eintrag im Branchenbuch oder auf der eigenen Internetseite reicht als Beleg nicht.
Was bringt mir eine Anzeige, wenn jemand den Titel erfindet?
Eine Anzeige kann zu einer Strafe für die andere Person führen, bringt Ihnen aber kein Geld zurück. Ihr Gutachten ist stattdessen mangelhaft, und Sie haben Anspruch auf Nachbesserung oder eine Minderung des Preises.
