Was ist die Wertminderung nach einem Unfall?
Auch nach einer einwandfreien Reparatur ist ein Unfallauto auf dem Gebrauchtwagenmarkt weniger wert. Käufer misstrauen ihm, weil sie verborgene Schäden fürchten. Diesen Wertverlust nennt das Gutachten merkantile Wertminderung.
Der Bundesgerichtshof zählt sie zum Sachschaden, wie die Reparaturkosten auch. Er spricht dabei von einem erheblich beschädigten Auto. Sie kommt also bei einem größeren Unfallschaden in Betracht und nicht bei jedem Kratzer.
Ein Kostenvoranschlag der Werkstatt nennt die Wertminderung nicht. Ob deshalb ein Gutachten statt eines Kostenvoranschlags nötig ist, hängt vom Schaden ab.
Wie berechnet ein Gutachter die Wertminderung?
Ein Gesetz mit fester Formel gibt es nicht. Gutachter nutzen deshalb Rechenmodelle, die Fachleute entwickelt haben. Im Streitfall schätzt das Gericht die Höhe nach eigenem Ermessen. Ein Amtsgericht ließ 2014 seinen Gutachter mehrere Methoden anwenden und bildete aus den Ergebnissen einen Wert.
Nach Ruhkopf und Sahm liegt die Wertminderung zwischen 3 und 7 Prozent von Autowert plus Reparaturkosten. Im Modell der Kfz-Sachverständigen sind es 0 bis 8 Prozent vom Autowert. Dazu kommen dort Zu- und Abschläge von minus 0,5 bis plus 2 Prozent für den Markt. Der Autowert ist der Wiederbeschaffungswert, also der Preis, den Sie für ein gleichwertiges Auto beim Händler zahlen würden.
| Modell | Was es berücksichtigt | Größenordnung |
|---|---|---|
| Ruhkopf/Sahm | Alter im Jahr nach der Zulassung und Verhältnis der Reparaturkosten zum Autowert | 3 bis 7 Prozent von Autowert plus Reparaturkosten, erst ab Reparaturkosten von 10 Prozent des Autowerts |
| Modell der Kfz-Sachverständigen (BVSK) | Schwere des Schadens in 7 Klassen, Marktgängigkeit des Autos und Vorschäden | 0 bis 8 Prozent vom Autowert für den Schaden, dazu minus 0,5 bis plus 2 Prozent für den Markt, mal ein Faktor von 0,5 bis 1 für Vorschäden |
| MFM | Autowert, Neupreis, Reparaturkosten, Schadenumfang, Alter, Marktgängigkeit und Vorschäden | Keine feste Spanne, das Ergebnis wird je Auto gerechnet |
Ruhkopf und Sahm rechnen nach einer Tabelle, in die das Alter des Autos und das Verhältnis von Reparaturkosten zum Autowert eingehen. Im zweiten Jahr nach der Zulassung ergeben Reparaturkosten von 10 bis 30 Prozent des Autowerts einen Satz von 4 Prozent. Ein Rechenbeispiel mit angenommenen Zahlen: Bei einem Autowert von 20.000 Euro und Reparaturkosten von 5.000 Euro sind das 4 Prozent von 25.000 Euro, also 1.000 Euro Wertminderung.
Von welchen Angaben hängt die Höhe ab?
Alle Modelle brauchen ähnliche Angaben, und Fehler in diesen Angaben verändern das Ergebnis.
- Das Alter des Autos, gerechnet ab der Zulassung. Nach Ruhkopf und Sahm sinkt der Prozentsatz mit dem Alter.
- Der Wert des Autos vor dem Unfall, also der Wiederbeschaffungswert.
- Die Reparaturkosten und damit die Schwere des Schadens.
- Die Marktgängigkeit, also wie leicht sich das Auto verkaufen lässt. Im Modell der Kfz-Sachverständigen bringt sie einen Zu- oder Abschlag.
- Vorschäden. Sind frühere Unfallschäden repariert, sinkt die Wertminderung im Modell der Kfz-Sachverständigen, weil ein Faktor von 0,5 bis 0,8 statt 1 gilt.
Prüfen Sie im Gutachten, ob Zulassung, Laufleistung und Vorschäden stimmen. Ein falsch eingetragener Vorschaden senkt den Betrag.
Ab wann entfällt die Wertminderung?
Eine feste Grenze nach Alter oder Kilometern gibt es nicht. Der Bundesgerichtshof hatte 1979 erwogen, 100.000 Kilometer als Obergrenze für eine Wertminderung anzusetzen. Damals waren solche Autos kaum noch etwas wert.
2004 stellte er klar: Diese Einschätzung hängt am Gebrauchtwagenmarkt, und der ändert sich, weil Autos länger halten. Er ließ offen, bis zu welchem Alter oder welcher Laufleistung eine Wertminderung zusteht. Schon damals bewerteten die Schätzorganisationen Schwacke und DAT Gebrauchtwagen bis zu 12 Jahre zurück.
Im entschiedenen Fall war das Auto 16 Jahre alt, hatte 164.000 Kilometer gefahren und war noch 2.100 Euro wert. Beschädigt waren nur Teile, die nicht tragen. Der Bundesgerichtshof hielt es für vertretbar, dass sich der Schaden bei diesem Marktpreis nicht mehr wertmindernd auswirkt.
Nach dem Modell von Ruhkopf und Sahm entsteht ohnehin nur dann eine Wertminderung, wenn die Reparaturkosten mindestens 10 Prozent des Autowerts erreichen. Das Amtsgericht Pfaffenhofen hat diese Untergrenze 2014 als überholt kritisiert.
Für Ihr Auto heißt das: Alter, Kilometer, Wert und Schadensumfang entscheiden zusammen. Je älter das Auto und je kleiner der Schaden, desto eher fällt die Wertminderung weg.
Was tun, wenn die Wertminderung zu niedrig ausfällt?
- Lesen Sie im Gutachten nach, welches Modell der Gutachter verwendet hat und welche Angaben eingeflossen sind.
- Prüfen Sie Zulassung, Laufleistung und Vorschäden. Falsche Angaben verändern das Ergebnis.
- Bitten Sie den Gutachter um eine Erklärung, wenn die Versicherung einen niedrigeren Betrag nennt, und lassen Sie sich beide Rechenwege zeigen.
- Widersprechen Sie schriftlich und holen Sie rechtlichen Rat, wenn die Versicherung bei ihrem Betrag bleibt.
Bleibt die Versicherung unter Ihrem Betrag, gehen Sie vor wie bei jeder anderen Kürzung, wenn die Versicherung Ihr Gutachten kürzt: schriftlich widersprechen, Werte belegen, Frist setzen.
Häufige Fragen
Wie hoch ist die Wertminderung nach einem Unfall?
Die Wertminderung liegt nach den gängigen Modellen bei wenigen Prozent vom Wert des Autos. Das Modell von Ruhkopf und Sahm rechnet mit 3 bis 7 Prozent von Autowert plus Reparaturkosten. Das Modell der Kfz-Sachverständigen rechnet mit 0 bis 8 Prozent vom Autowert plus Zu- und Abschlägen für den Markt. Die genaue Zahl hängt von Alter, Reparaturkosten und Marktlage Ihres Autos ab.
Ab welchem Alter gibt es keine Wertminderung nach einem Unfall mehr?
Ein festes Alter, ab dem die Wertminderung entfällt, gibt es nicht. Der Bundesgerichtshof hat 2004 keine Grenze festgelegt. Ein 16 Jahre altes Auto mit 164.000 Kilometern und einem Wert von 2.100 Euro bekam nach dem Urteil keine Wertminderung, weil nur Teile beschädigt waren, die nicht tragen. Für 1979 hatte er 100.000 Kilometer als Obergrenze erwogen.
Welche Methode nutzt der Gutachter für die Wertminderung?
Der Gutachter wählt ein anerkanntes Rechenmodell, etwa das nach Ruhkopf und Sahm oder das des Verbands der Kfz-Sachverständigen. Ruhkopf und Sahm gilt als das am häufigsten angewendete Modell. Gesetzlich vorgeschrieben ist keine Methode, und Sie können nachfragen, welche im Gutachten steckt.
Bekomme ich bei einem kleinen Unfallschaden eine Wertminderung?
Bei sehr kleinen Schäden entsteht in der Regel keine Wertminderung. Der Bundesgerichtshof spricht von einem erheblich beschädigten Auto, und nach dem Modell von Ruhkopf und Sahm entsteht eine Wertminderung erst, wenn die Reparaturkosten mindestens 10 Prozent des Autowerts erreichen. Ein Amtsgericht hat diese Untergrenze 2014 als überholt bezeichnet.
Wer legt die Höhe der Wertminderung fest, der Gutachter oder das Gericht?
Zuerst schätzt Ihr Gutachter die Wertminderung mit einem Rechenmodell. Im Streit entscheidet das Gericht und schätzt die Höhe im Rahmen seines Ermessens. Es ist dabei nicht an ein bestimmtes Modell gebunden, ein Amtsgericht hat 2014 sogar mehrere Modelle nebeneinander angewendet.
