Darf die Versicherung mein Gutachten kürzen?
Die gegnerische Versicherung darf Einwände erheben, und Sie müssen sich damit nicht abfinden. Streicht sie Posten aus Ihrem Gutachten, steht oft ein Prüfbericht dahinter. Das ist eine Stellungnahme, die ein Dienstleister im Auftrag der Versicherung schreibt, meist ohne dass jemand Ihr Auto gesehen hat.
Mehrere Amtsgerichte haben solche Berichte als wenig aussagekräftig eingestuft, zum Beispiel das Amtsgericht Kiel 2024. Ihr Gutachten stammt dagegen von jemandem, der Ihr Auto untersucht hat. Trotzdem gilt: Widersprechen Sie nicht, bleibt es beim gekürzten Betrag.
Die Versicherung zahlt am Ende die Summe unter dem Strich. Jede gestrichene Position senkt ihre Rechnung. Deshalb lohnt sich bei jeder Kürzung ein genauer Blick. Ein gut begründetes Gutachten spart Streit, und wie Sie nach einem Unfall den richtigen Gutachter beauftragen, lässt sich vorher klären.
Gekürzt werden kann der Stundensatz der Werkstatt, der Ersatzteilaufschlag, die Verbringung zur Lackiererei, die Nachbesichtigung oder pauschal 10 Prozent für Lohnnebenkosten. Bei Autos bis 3 Jahre ist der Verweis auf eine günstigere freie Werkstatt in der Regel unzumutbar. Außerdem gilt eine solche Werkstatt in der Regel nur bis 20 Kilometer Entfernung als zumutbar.
| Kürzung | Wann die Versicherung recht hat | Was Sie entgegenhalten |
|---|---|---|
| Stundensatz | Sie erreichen ohne Mühe eine gleich gute, günstigere freie Werkstatt, und Ihr Auto ist älter als 3 Jahre ohne durchgehende Wartung in der Markenwerkstatt | Ihr Gutachter hat den üblichen Satz der Markenwerkstätten Ihrer Region ermittelt. Die Versicherung muss die andere Werkstatt belegen |
| Ersatzteilaufschlag (UPE) | Eine zumutbare, günstigere Werkstatt verlangt keinen Aufschlag | Markenwerkstätten Ihrer Region berechnen ihn üblicherweise, und Ihr Gutachter hat das dargelegt |
| Verbringungskosten | Die zumutbare günstigere Werkstatt braucht keine Verbringung | Reparaturkosten lassen sich nicht in angefallene und nicht angefallene Teile aufspalten |
| Pauschal 10 Prozent für Lohnnebenkosten | Nie, solange Sie nach Gutachten abrechnen | Der Bundesgerichtshof hat den Abzug 2013 abgelehnt |
| Nachbesichtigung | Sie rechnen nach Gutachten ab und lassen ohne besonderen Grund nach der Reparatur bestätigen | Sie brauchen die Bestätigung als Beleg für die Zeit ohne Auto oder für eine teure Reparatur, oder die Versicherung verlangt die Nachbesichtigung selbst |
Darf die Versicherung den Stundensatz kürzen?
Nur unter Bedingungen. Grundsätzlich dürfen Sie den Stundensatz einer Markenwerkstatt ansetzen, den Ihr Gutachter auf dem Markt Ihrer Region ermittelt hat, und zwar auch dann, wenn Sie gar nicht reparieren lassen. Das hat der Bundesgerichtshof 2017 bestätigt.
Die Versicherung darf Sie nur auf eine günstigere freie Werkstatt verweisen, wenn drei Dinge zutreffen. Die Werkstatt muss gleich gut arbeiten, Sie müssen sie ohne Mühe erreichen, und nichts darf dagegen sprechen, sie Ihnen zuzumuten. Die Versicherung muss das belegen, nicht Sie. Meist nennt sie dafür eine bestimmte Werkstatt.
Bei Autos bis 3 Jahre ist der Verweis im Allgemeinen unzumutbar. Ist Ihr Auto älter, kann er trotzdem unzumutbar sein, wenn Sie belegen, dass es stets in der Markenwerkstatt gewartet und repariert wurde, etwa mit Scheckheft und Rechnungen. Kann die Versicherung das nicht widerlegen, bleibt es bei Ihrem Stundensatz.
Die Versicherung gewinnt manchmal. 2017 verlor ein Autobesitzer, dessen gut 9 Jahre altes Auto seit 5 Jahren nicht mehr zur Inspektion in der Markenwerkstatt gewesen war. 2018 verlor ein Autobesitzer mit einem knapp 5 Jahre alten Fiat Punto, weil die Werkstatt der Versicherung nur 6,1 Kilometer entfernt lag und nachweislich gleich gut arbeitete. Dass Ihr Gutachter schon mittlere Sätze freier Werkstätten angesetzt hat, schützt Sie ebenfalls nicht vor einem Verweis.
Unzulässig ist dagegen ein pauschaler Abzug von 10 Prozent für Sozialabgaben und Lohnnebenkosten. Der Bundesgerichtshof hat 2013 entschieden, dass diese Kosten zum Schaden gehören, auch wenn Sie nach Gutachten abrechnen.
Zahlt die Versicherung Ersatzteilaufschlag und Verbringung?
Ja, wenn Markenwerkstätten in Ihrer Region den Aufschlag üblicherweise berechnen und Ihr Gutachter die üblichen Ersatzteilkosten ermittelt hat. UPE steht für unverbindliche Preisempfehlung. Gemeint ist der Aufschlag, den Werkstätten auf die Preisempfehlung des Herstellers für Ersatzteile verlangen. Der Bundesgerichtshof hat 2018 klargestellt, dass er kein eigener Anspruch ist, sondern ein Anhaltspunkt für die Ersatzteilkosten.
Auch hier darf die Versicherung auf eine zumutbare günstigere Werkstatt verweisen, die keinen solchen Aufschlag verlangt. Dann gelten dieselben Bedingungen wie beim Stundensatz.
Verbringungskosten entstehen, wenn Ihr Auto zur Lackiererei gebracht werden muss, weil die Werkstatt keine eigene hat. Die Versicherung darf sie nicht streichen, nur weil Sie nicht reparieren. Der Bundesgerichtshof hat 2013 gesagt, dass sich die Reparaturkosten nicht in angefallene und nicht angefallene Teile aufspalten lassen. Fachleute leiten daraus ab, dass die Verbringung zum Schaden gehört, wenn Markenwerkstätten in Ihrer Region sie berechnen.
Wer zahlt die Nachbesichtigung nach der Reparatur?
Meist nicht, wenn Sie nach Gutachten abrechnen. Bei einer Nachbesichtigung schaut ein Gutachter Ihr Auto nach der Reparatur noch einmal an. Beauftragen Sie das selbst, um die Reparatur bestätigen zu lassen, zahlt die Versicherung die Bestätigung grundsätzlich nicht. Der Bundesgerichtshof hat 2017 entschieden, dass Sie nicht teils nach Gutachten und teils nach den tatsächlichen Kosten abrechnen können.
Anders kann es sein, wenn Sie die Bestätigung brauchen, um Ihre Entschädigung für die Zeit ohne Auto zu belegen. Dasselbe kann gelten, wenn die Reparatur mehr kostet, als das Auto wert ist, und Sie belegen müssen, dass Sie sicher repariert haben.
Verlangt die Versicherung selbst eine Nachbesichtigung, weil sie Ihrem Gutachten misstraut, dürfen Sie einen eigenen Gutachter mitschicken. Das Amtsgericht Bielefeld hat 2019 entschieden, dass die Versicherung dessen Kosten zahlt. Das ist die Entscheidung eines einzelnen Amtsgerichts, andere Gerichte können anders urteilen.
Darf die Versicherung das Honorar des Gutachters kürzen?
Auch das Honorar Ihres Gutachters kann die Versicherung nicht einfach streichen. Der Bundesgerichtshof hat 2014 entschieden, dass ein Gericht Gutachterkosten nicht allein deshalb kürzen darf, weil sie über den Werten einer Honorarumfrage von Sachverständigen liegen. Sie müssen auch nicht vorher Preise vergleichen.
Anders ist es, wenn Sie erkennen konnten, dass der Gutachter Preise verlangt, die deutlich über dem Üblichen liegen. Dann kann die Versicherung Ihnen vorhalten, Sie hätten einen günstigeren Gutachter wählen müssen. Ein einfaches Bestreiten der Rechnung reicht ihr nicht.
Konnten Sie eine Überhöhung nicht erkennen, trägt der Unfallgegner das Risiko. Was Gutachter üblicherweise berechnen und wer die Gutachterkosten am Ende trägt, hängt vom Einzelfall ab.
So wehren Sie sich in 6 Schritten
Die Schritte sind dieselben, egal welche Position gekürzt wurde.
- Lassen Sie sich die Kürzung schriftlich begründen und den Prüfbericht mitschicken. Ohne den Bericht können Sie nicht prüfen, welche Posten gestrichen wurden.
- Stellen Sie Ihr Gutachten und die Kürzung Position für Position gegenüber. Markieren Sie, wo die Versicherung nur behauptet und keine bestimmte Werkstatt nennt.
- Bitten Sie Ihren Gutachter um eine schriftliche Stellungnahme zu jeder gestrichenen Position. Er kennt die üblichen Sätze und Aufschläge in Ihrer Region und hat sie im Gutachten dargelegt.
- Sammeln Sie Belege, wenn die Versicherung auf eine freie Werkstatt verweist: Scheckheft sowie Wartungs- und Reparaturrechnungen des Autos.
- Widersprechen Sie schriftlich, nennen Sie die Positionen und den Betrag, den Sie verlangen, und setzen Sie der Versicherung eine angemessene Frist.
- Bleibt die Versicherung bei der Kürzung, lassen Sie den Fall von einer Rechtsanwältin oder einem Rechtsanwalt für Verkehrsrecht prüfen. Ob eine Klage über den Differenzbetrag lohnt, hängt an Ihren Unterlagen.
Wie lange können Sie den Rest verlangen?
Sie können den gekürzten Betrag 3 Jahre lang verlangen. Die Frist beginnt am Ende des Jahres, in dem der Unfall passiert ist und Sie wussten, wer schuld war. Bei einem Unfall im Mai 2026 läuft sie also bis Ende 2029. Danach kann sich die Versicherung auf die Frist berufen und die Zahlung verweigern. Widersprechen Sie trotzdem früh, solange Fotos, Rechnungen und Schriftwechsel noch greifbar sind.
Häufige Fragen
Muss ich hinnehmen, dass die Versicherung mein Kfz-Gutachten kürzt?
Nein, Sie müssen eine Kürzung Ihres Kfz-Gutachtens nicht ohne Prüfung hinnehmen. Die Versicherung muss ihre Streichung begründen, und ein Prüfbericht, für den niemand Ihr Auto angesehen hat, ersetzt kein Gutachten. Widersprechen Sie schriftlich und setzen Sie eine Frist.
Darf die Versicherung nach einem Unfall auf eine günstigere Werkstatt verweisen?
Ja, die Versicherung darf auf eine günstigere Werkstatt verweisen, aber nur unter Bedingungen. Die Versicherung muss belegen, dass die günstigere Werkstatt gleich gut arbeitet, und Sie müssen sie ohne Mühe erreichen. Bei Autos bis 3 Jahre ist ein solcher Verweis in der Regel unzumutbar, bei älteren Autos, wenn Sie belegen, dass sie stets in der Markenwerkstatt gewartet und repariert wurden.
Zahlt die Versicherung Verbringungskosten und Ersatzteilaufschläge, wenn ich nach Gutachten abrechne?
Ja, die Versicherung zahlt Verbringungskosten und Ersatzteilaufschläge, wenn Markenwerkstätten in Ihrer Region sie üblicherweise berechnen und Ihr Gutachter das begründet hat. Die Versicherung darf sie nicht streichen, nur weil Sie nicht reparieren. Ausnahme ist ein zulässiger Verweis auf eine günstigere Werkstatt, die solche Kosten nicht verlangt.
Darf die Versicherung pauschal 10 Prozent Lohnnebenkosten aus dem Gutachten abziehen?
Nein, ein pauschaler Abzug von 10 Prozent für Sozialabgaben und Lohnnebenkosten ist bei Abrechnung nach Gutachten nicht erlaubt. Der Bundesgerichtshof hat das 2013 entschieden. Diese Kosten gehören zum Schaden, auch wenn Sie nicht reparieren lassen.
Zahlt die Versicherung die Nachbesichtigung meines Autos?
Die Kosten einer Nachbesichtigung zahlt die Versicherung nicht immer. Lassen Sie die Reparatur nur zur Sicherheit bestätigen, zahlt die Versicherung das bei Abrechnung nach Gutachten grundsätzlich nicht. Anders kann es sein, wenn Sie die Bestätigung für die Entschädigung für die Zeit ohne Auto brauchen oder wenn die Versicherung selbst eine Nachbesichtigung verlangt.
Wie lange kann ich den gekürzten Betrag noch von der Versicherung verlangen?
Den gekürzten Betrag können Sie 3 Jahre lang verlangen. Die Frist beginnt am Ende des Jahres, in dem der Unfall passiert ist und Sie den Schuldigen kannten. Danach kann die Versicherung die Zahlung verweigern.
